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Patientenporträt: Sieg seines Lebens

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Die Entwicklung einer Suchterkrankung ist ein Prozess, eine Geschichte, die tief im Leben eines betroffenen Menschen verankert ist. Auf dem Weg aus der Sucht wird eine neue Geschichte geschrieben, die von Herausforderungen, aber auch von kleineren und grösseren Erfolgen handelt. Kilian (Pseudonym, Name der Redaktion bekannt) erzählt uns im Gespräch seine Geschichte.

Kilian ist 28 Jahre alt. Im Jahr 2022 war er stationär in der Klinik Selhofen in Behandlung – was er sich nie hätte träumen lassen. Denn er hatte ein tolles Leben gehabt: eine liebevolle Familie, eine langjährige Partnerschaft, einen Job… Er war mit sich und seinem Leben zufrieden gewesen. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er einmal Patient einer Suchtfachklinik werden würde. Wie also kam es dazu? Kilian holft tief Luft. Vor vier Jahren wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Ein Schlag für ihn. Er war damals 24 Jahre alt und hatte eben eine neue Stelle angetreten. Dann erhielt er die Hiobsbotschaft. Und diese kam nicht alleine. Auf die Krebsdiagnose folgte die Kündigung – Probezeit nicht bestanden. Bäm! Ein weiterer Schlag. Kilian geriet ins Taumeln. Als sich kurz darauf auch seine Freundin von ihm trennte, brachte ihn das zu Fall. Knock-out!

Kilian lag am Boden. Er empfand eine tiefe Ohnmacht und grossen Schmerz. Um der ohnmächtigen Situation zu entfliehen und den Schmerz zu betäuben, begann Kilian zu kiffen. Gekifft hatte er schon als Jugendlicher ab und zu, jetzt aber wurde Kiffen zu seiner «Medizin». Allerdings nicht ohne Nebenwirkungen: Durch seinen exzessiven Cannabis-Konsum geriet Kilian in falsche Kreise und bald schon in Kontakt mit Kokain. Kokain gab ihm Kraft und das Gefühl von Stärke. Mit dem weissen Pulver fühlte er sich gut – selbstbewusst und «Herr der Lage». Vergessen war die Ohnmacht. Doch die «Medizin» hatte ihren Preis – körperlich, psychisch und finanziell. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, begann Kilian zu dealen. Drogen waren nun sein Alltag – konsumieren und dealen, konsumieren und dealen, konsumieren und dealen, von morgens bis abends, Tag für Tag. Zwei Jahre ging das so. Und Kilian geriet in eine Endlosschleife. Zu akzeptieren, dass er professionelle Hilfe benötigte, fiel ihm lange schwer. Er wäre kein Junkie und in einer Suchtfachklinik hätte er nichts verloren, rechtfertigte sich Kilian lange Zeit gegenüber seinen Angehörigen.

Im Sommer 2022 begab er sich dann aber – auch auf Drängen seiner Familie – in stationäre Behandlung. Rückblickend die beste Entscheidung seines Lebens, so Kilian. Die Zeit in der Klinik Selhofen war intensiv – speziell während des Entzugs. Er habe sich in «Selhofen» aber sehr wohl gefühlt und vermisse es manchmal sogar ein bisschen – Kilian lacht. Besonders gut in Erinnerung hat er die Gespräche in der Einzel- und Gruppentherapie. Die taten ihm sehr gut. Gut tat ihm auch der Sport. Vor den Drogen hatte er gerne und viel Sport getrieben. Die Teilnahme am Sportangebot der Klinik erinnerte ihn wieder daran – an sein Leben vor den Drogen. Auch ist er froh, dass er am Integrationsprogramm «step-up» teilnahm. Hier fand er wieder Schritt für Schritt ins Leben und konnte einen Neustart wagen.

Der Neustart ist geglückt. Heute – über ein Jahr später – ist Kilian nach wie vor «clean». Rückfälle gab es keine. Er fühlt sich stabil, hat eine Festanstellung und arbeitet wieder auf seinem erlernten Beruf. Dafür ist er unglaublich dankbar. Dankbar ist er auch seiner Familie, die ihn bei seinem Kampf gegen die Drogen unterstützt hat und bis heute hinter ihm steht. Kilian ist für vieles dankbar und hält alles in seinem Dankbarkeitstagebuch fest. Das hilft ihm dabei, die positiven Aspekte im Leben bewusster wahrzunehmen, stimmt ihn glücklich und gibt ihm Halt – gerade in Zeiten, in denen vielleicht nicht alles rund läuft. Halt gibt ihm auch der Sport. Während seines Klinikaufenthalts lernte er durch einen Mitpatienten eine Kampfsportart kennen, woraufhin er zwei Probetrainings besuchte. Seit Klinikaustritt trainiert er fix sechs Mal die Woche. Vergangenen November durfte er bereits zum ersten Mal zu einem Kampf antreten und gewann. Kilian ist nun Schweizermeister und Mitglied des Schweizer Nationalteams. Demnächst fliegt er an die Weltmeisterschaft. Das dunkle Kapitel seines Lebens hat er geschlossen. Kilian fokussiert auf das Positive und blickt optimistisch in die Zukunft.

 

Autorin: Andrea Eichmüller, Leiterin Marketing

 

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