Powered by Smartsupp

Patientenporträt: «Zwischen gestern und heute – der Weg aus dem Nebel»

  • Blog

Die Entwicklung einer Suchterkrankung geschieht nicht plötzlich. Meist ist sie ein langer Prozess, eng verwoben mit biografischen Erfahrungen und dem Versuch, unangenehmen Gefühlen zu entfliehen. Ebenso wenig geradlinig ist der Weg zurück. Er führt durch Rückschläge und Phasen des Stillstands, aber auch durch leise Momente der Hoffnung, die neue Perspektiven eröffnen.

Ein Mann in den Dreissigern – nennen wir ihn Tobi* – offen im Auftreten und doch spürbar zurückhaltend, sitzt mir gegenüber. Er betont mehrfach, dass es ihm schwerfällt, über Gefühle zu sprechen. Dennoch erzählt er ruhig, reflektiert und ohne Beschönigung von seinem Weg. Alles begann scheinbar harmlos : kiffen, später Alkohol. Mit 17 folgten zwei Versuche mit Heroin, ohne unmittelbare Fortsetzung. Mit dem Eintritt ins Heim kam der radikale Verzicht auf Marihuana, Alkohol blieb jedoch Teil seines Lebens. Rückblickend erkennt er, dass sein problematischer Konsum schon damals sichtbar war. «Kein Restaurantbesuch ohne Bier», sagt er. Doch niemand sprach es an.
«Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert, ganz anders als andere Drogen.»

Es folgten Jahre mit Höhen und Tiefen : eine Beziehung, eine gemeinsame Wohnung, ein guter Job. Dann kam der Bruch. Mit 24 Jahren zerbrach die Beziehung und innerhalb kurzer Zeit verlor Tobi fast alles : Zuhause, Freundeskreis und Selbstvertrauen. Ohne Einkommen fehlten die Mittel für soziale Kontakte, bestehende Verbindungen brachen ab. Zurück am Ort seiner Kindheit suchte er Anschluss bei alten Bekannten und fiel rasch in alte Muster zurück.

Der Punkt, an dem es still wurde
Zwei Monate täglicher Alkoholkonsum führten zu einem Punkt, an dem selbst Alkohol nicht mehr reichte. Der Griff zu Heroin, teils begleitet von Kokain, schien die einzige Flucht. Über zwei Jahre versuchte Tobi, mit Drogen das Gedankenkarussell zu stoppen, Gefühle zu unterdrücken und so den Schmerz auszublenden. «Wie in Watte gepackt», beschreibt er diesen Zustand. Ohne Kontrolle, ohne echtes Empfinden.

Auf Wunsch der Familie folgten mehrere Entzüge. Innerhalb eines Jahres absolvierte er drei stationäre Aufenthalte in der Klinik Selhofen. Die klare Tagesstruktur, Gespräche und die wertschätzende Atmosphäre wirkten stabilisierend. Doch für eine dauerhafte Abstinenz reichte es nicht. Zwei Langzeittherapien schlossen sich an. Rückfälle gehörten auch dort dazu, bis Tobi die letzte Therapie nach eineinhalb Jahren abbrechen musste. Rückblickend sagt er : «Ich war noch nicht bereit.» Oft gehe man aus Liebe zur Familie in Therapie, nicht aus eigener Überzeugung. Heute weiss er : Veränderung braucht einen inneren Willen und eine tragfähige Anschlusslösung.

Der Moment der Ehrlichkeit
Nach einem weiteren Aufenthalt in der Klinik Selhofen begab er sich nochmals in eine Anschlusstherapie. Die Arbeit auf dem Hof, draussen in der Natur und mit Tieren, tat ihm gut. Rückfälle gab es auch dort. Es folgte ein erneuter Wechsel des Therapieplatzes. Dort brachte die offene, respektvolle Kommunikation und das Gefühl, Verantwortung übernehmen zu dürfen, die entscheidende Wende. Nach gut zwei Jahren konnte Tobi die stationäre Therapie verlassen – mit eigener Wohnung und einem Job.

Der letzte Aufenthalt in der Klinik Selhofen unterschied sich von allen vorherigen. «Es fühlte sich nicht mehr wie ein Ferienlager an», sagt Tobi. Er zog sich zurück, begann zu reflektieren und stellte sich ehrlich die Frage nach seiner Zukunft. Einzel- und Gruppengespräche – auch wenn Letztere nicht «sein Ding» waren – halfen ihm dabei. Besonders schätzte er die Zeit im Kreativatelier. Schmunzelnd ergänzt er : «Das hervorragende Essen war ein wichtiger Beitrag zur Genesung.»

Weitergehen, Schritt für Schritt
Heute ermutigt Tobi andere Betroffene : «Glaub an dich und gib niemals auf. Rückschläge gehören dazu – entscheidend ist, sie zu reflektieren und zu verstehen, warum sie passiert sind.»

Seit fünf Jahren geht Tobi regelmässig in eine ambulante Therapie in der Klinik Selhofen. Als nächsten Schritt plant er eine Weiterbildung, entweder eine jobbezogene Weiterbildung oder eine Ausbildung zum Natur- und Wildnispädagogen. Vor allem möchte er weiter an sich arbeiten, soziale Kontakte pflegen und seine Komfortzone schrittweise erweitern. Seine Geschichte zeigt : Ein Neuanfang ist auch nach vielen Rückschlägen möglich.

 

*Pseudonym: Name der Redaktion bekannt

Autorin: Michèle Haegeli, Leiterin Marketing/Kommunikation

nach oben